PETG wird spröde im Sommer? So stoppen Sie Abrisse beim Druck
Warum PETG im Sommer plötzlich reißt und spröde wird
Kennen Sie das? Der Druck läuft seit zwei Stunden tadellos, und dann, kurz vor dem letzten Layer, bricht das Teil einfach durch. Kein Softwarefehler, kein Düsenverstopfer. Die Ursache sitzt fast immer im Filament selbst: PETG hat Wasser gezogen. Gerade im feuchtwarmen Sommer, wenn die Luftfeuchtigkeit in Werkstatt oder Wohnung Richtung 60, 70 Prozent klettert, saugt sich das Material regelrecht voll. Die Polymerketten werden dabei durch Hydrolyse angegriffen, und genau das macht aus einem zähen, biegsamen Werkstoff ein sprödes, das beim kleinsten Knick bricht. Die gute Nachricht vorweg: Mit der richtigen Trocknung, sauberer Lagerung und ein paar angepassten Druckparametern lässt sich das fast komplett in den Griff bekommen.
Warum wird PETG im Sommer spröde?
PETG gehört zu den stark hygroskopischen Materialien, es zieht Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft wie ein Schwamm, nur eben langsamer. Besonders im Sommer, wenn in vielen Wohnungen und Garagen die Luftfeuchtigkeit tagelang über 50 Prozent liegt, nimmt eine offen gelagerte Spule binnen weniger Tage spürbar Wasser auf. Das Tückische: Dieses Wasser verdampft erst im Hotend, bei 230 bis 250 °C, und zwar schlagartig. Die Folgen davon:
- Hydrolyse: Wasser spaltet die langen Polymerketten chemisch auf. Das Material verliert dadurch seine Zähigkeit, buchstäblich auf molekularer Ebene.
- Blasenbildung und Knistern: Wer genau hinhört, bemerkt beim Extrudieren ein feines Knistern oder Knacken, fast wie bei Popcorn in Miniatur. Das ist kein gutes Zeichen, sondern verdampfendes Wasser im Schmelzekanal.
- Schlechte Schichthaftung: Die Feuchtigkeit stört die Verschmelzung zwischen den einzelnen Lagen. Genau an diesen Stellen entstehen später die Bruchkanten.
- Spröde statt flexible Struktur: Trockenes PETG lässt sich noch nach Stunden leicht biegen, ohne zu brechen. Nasses PETG dagegen knackt bei der gleichen Bewegung mit einem sauberen, fast glasartig glänzenden Bruch.
Anzeichen für feuchtes PETG erkennen
Bevor Sie eine ganze Rolle verdrucken und sich am Ende über die Bruchstelle wundern, lohnt sich ein kurzer Check. Diese Warnsignale sprechen für feuchtes Material:
- Knistern oder leise “Pop”-Geräusche während des Drucks
- Eine matte, leicht raue Oberfläche statt des gewohnten Glanzes
- Stringing (Fäden zwischen den Druckteilen), obwohl die Retraction-Einstellungen eigentlich passen
- Die Spule fühlt sich nach ein paar Tagen Lagerung spürbar schwerer an als vorher
- Das Filament bricht beim leichten Biegen, statt sich zu verformen, fast wie ein trockener Zweig
So trocknen Sie PETG richtig
Mit einem Filamenttrockner:
- Temperatur: 55 bis 65 °C
- Dauer: 4 bis 6 Stunden bei leicht feuchtem Filament, bei stark durchfeuchteten Rollen ruhig bis zu 8 Stunden einplanen
- Danach möglichst direkt aus einer Dry Box drucken. Wer die Spule nach dem Trocknen wieder offen liegen lässt, hat in zwei, drei Tagen das gleiche Problem erneut
Im Backofen (Haushaltsofen):
- Nur mit separatem Thermometer arbeiten, denn die Temperaturanzeige vieler Haushaltsöfen weicht gern um 10 bis 15 Grad ab
- 60 bis 65 °C, 4 bis 6 Stunden, Spule auf Backpapier legen (nicht direkt auf dem Blech, falls der Kunststoffkern empfindlich ist)
- Backofentür einen Spalt offen lassen, damit die Feuchtigkeit tatsächlich entweichen kann und nicht nur im Ofenraum zirkuliert
Faustregel: Lag PETG länger als zwei bis drei Tage offen bei über 50 Prozent Luftfeuchtigkeit, sollte es vor dem nächsten Druck grundsätzlich getrocknet werden. Im Zweifel lieber einmal zu oft trocknen als einen Druck nach acht Stunden Laufzeit zu verlieren.
Richtige Lagerung gegen erneute Feuchtigkeitsaufnahme
Trocknen allein bringt wenig, wenn die Spule danach wieder offen in der Werkstatt herumliegt. Die Lagerung entscheidet am Ende, ob das Problem dauerhaft gelöst ist oder nach einer Woche zurückkommt:
- Vakuumbeutel mit Silikagel: Nach jedem Druck sofort zurücklegen und die Luft konsequent herausdrücken. Das dauert zwanzig Sekunden und spart später Stunden
- Dry Box mit Hygrometer: Als Zielwert gelten 15 bis 25 Prozent relative Luftfeuchtigkeit im Behälter
- Aktives Trocknungssystem während des Drucks: Gerade in lauen Sommernächten mit hoher Außenluftfeuchtigkeit zieht PETG schon während eines mehrstündigen Drucks wieder spürbar Wasser. Wer öfter große Teile druckt, für den lohnt sich so ein System
- Silikagel regelmäßig bei 120 °C im Ofen regenerieren, sobald sich die Farbindikator-Perlen von Orange auf Grün (oder je nach Produkt von Blau auf Rosa) verfärben
Druckeinstellungen anpassen, wenn es schon zu spät ist
Manchmal fällt der Kuckuck eben nach dem Druck auf, und Zeit zum Trocknen bleibt keine mehr. Ist das Filament nur leicht feucht, helfen diese Anpassungen als kurzfristige Notlösung:
- Düsentemperatur um 5 bis 10 °C erhöhen, damit die Restfeuchtigkeit schneller verdampfen kann
- Druckgeschwindigkeit etwas reduzieren, so bleibt dem Wasserdampf mehr Zeit zum Entweichen, bevor die Schmelze aus der Düse kommt
- Part Cooling Fan leicht zurückfahren, denn zu schnelles Abkühlen verschlechtert die Schichthaftung bei bereits geschwächtem Material zusätzlich
Wichtig dabei: Das ist wirklich nur ein Pflaster, keine Lösung. Wer dauerhaft gute Ergebnisse will, kommt um konsequentes Trocknen und trockene Lagerung nicht herum.
Kurz zusammengefasst
PETG wird im Sommer spröde, weil es Feuchtigkeit aus der Luft zieht, die beim Drucken Hydrolyse auslöst und die Schichthaftung schwächt. Wer sein Filament nach jedem Gebrauch trocken lagert, etwa im Vakuumbeutel mit Silikagel oder in einer Dry Box, und es bei Bedarf für mehrere Stunden bei 55 bis 65 °C trocknet, verhindert zuverlässig brüchige Drucke. Die vielleicht sinnvollste Anschaffung in diesem Zusammenhang: ein einfaches Hygrometer für die Lagerbox. Es zeigt Feuchtigkeitsprobleme an, bevor ein teurer Druck nach Stunden plötzlich mittendrin abreißt.